Ute Holtmann

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08.06.2017

Badtrade statt Fairtrade

Alle Themen Handelsstruktur #fairer Handel #Fairtrade #Siegel #Transfair

Bildnachweis: TransFair e.V. / Miriam Ersch

Bildnachweis: TransFair e.V. / Miriam Ersch

…ein Philosoph liest uns die Leviten /

Wenn ich für einen Tag Bundeskanzler wäre, würde ich das Fairtrade-Siegel abschaffen, sagt Richard David Precht in seiner Keynote zum 25jährigen Jubiläum von Fairtrade in Deutschland (Transfair) vor rund 300 geladenen Gästen Ende Mai in Berlin. Die schlagartig versteinerten Gesichter im Publikum entspannen sich wieder ein wenig, als Precht weiter erklärt, dass er stattdessen ein Badtrade-Siegel einführen würde, mit dem er ganz einfach alle Produkte kennzeichnen würde, die nicht aus fairem Handel stammten. Eine bestechend einfache Logik steckt dahinter: die Umkehrung der Beweispflicht – (unabhängig von der Durchführbarkeit) ein radikaler Gedanke.

Gebrochener Konsum

Wie das Siegel, so gehört auch das Phänomen, das man landläufig „Gebrochener Konsum“ nennt, zu Fairtrade. In allen Umfragen erhalten Fairtrade-Produkte große Zustimmung. Natürlich würde niemand Produkte kaufen wollen, an denen Kinder mitgearbeitet haben oder die unter anderen menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt wurden – theoretisch jedenfalls! Vor dem Regal im Supermarkt ist das dann allerdings oft vergessen. Daraus ergibt sich die enorme Diskrepanz zwischen theoretischer Zustimmung und praktischen Absatzzahlen. Zwar ist der Umsatz mit Fairtrade-Produkten in 2016 auf 1,2 Mrd. Euro gestiegen, das entspricht aber nicht mal einem Prozent des gesamten Umsatzes mit Lebensmitteln. In einzelnen Produktgruppen sieht es etwas besser aus, der Klassiker Fairtrade-Kaffee hat z.B. einen Marktanteil von 3,8 Prozent.

Hinter dieser Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis steckt eine Haltung, die sich durch unsere Menschheitsgeschichte zieht … womit wir wieder bei Precht wären. Schon die Begründer der Aufklärung wie John Locke im 17./18. Jahrhundert hätten zwar propagiert, alle Menschen seien gleich und frei. In ihrem eigenen Verhalten agierten sie allerdings wie Kolonialherren und profitierten mitunter sogar vom Sklavenhandel. Und daran habe sich im Prinzip bis heute nicht viel geändert, führt der Philosoph den Teilnehmern deutlich vor Augen. Alle Menschen sind gleich, aber von unserem Wohlstand ein klein wenig an die abzugeben, die unterhalb der Wohlstandsgrenze leben, fällt schwer – besonders in globalen Dimensionen.

Fairtrade und natürlich auch andere Konzepte des fairen Handels betrachten Menschenrechte vor allem global. Und die Milliardengrenze mit dem Verkauf von Fairtrade-Produkten überschritten zu haben, ist ohne Zweifel ein Erfolg, zu dem man den Gründern und Mitarbeitern/innen nur ganz aufrichtig gratulieren kann. Vor 25 Jahren hätte niemand an einen solchen Erfolg geglaubt. Aber: Fairtrade befindet sich immer noch in einer Nische! Rund 1,7 Millionen Menschen profitieren zur Zeit von Fairtrade. Man kann sich ausrechnen, wie lange es dauert, bis die Mehrheit der an der Landwirtschaft und Produktion beteiligten Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern gerechtere Bedingungen erlebt – wenn der Absatz von Fairtrade gleichbleibend ansteigt.

Wirtschaft versus Moral

Deshalb schlägt Precht vor, das Fairtrade-Prinzip, das richtigerweise an der Wurzel ansetze, durch legislative Maßnahmen zu flankieren. Das Argument der künstlichen Preise, das Fairtrade häufig begegnet, hebelt er ganz einfach aus: Die hoch subventionierte Landwirtschaft in der EU, profitiere schließlich auch von nichts anderem als künstlichen Preisen.

Zum Schluss seiner inspirierenden Keynote fügt Precht der moralischen Argumentation noch eine wirtschaftliche hinzu, denn Moral höre meistens dort auf, wo ernsthafte Geschäftsinteressen bedroht sind: Wenn wir uns nicht darum kümmern, dass es den Menschen in den Produktionsländern besser geht, sind die aktuellen Flüchtlingszahlen nur ein kleiner Anfang, von dem, was wir noch zu erwarten haben. Die Lebensumstände derer zu verbessern, die für den Anbau und die Ernte eines Großteils unserer Nahrung zuständig sind, spart letztlich große Summen, die zur Flüchtlingsbewältigung ausgegeben würden. Ein Badtrade-Siegel unterliegt der gleichen Logik, mit der abschreckende Bilder auf Zigarettenschachteln gedruckt werden. Sie sollen Menschen vom Rauchen abbringen, um die Gesundheitskosten zu senken. Ein Badtrade-Siegel wäre eine Umkehrung der Beweislast und würde demnach das moralisch Gute zur Selbstverständlichkeit erklären und moralisch Anrüchiges ächten.

Wer würde schon eine Schokolade kaufen mit dem Aufdruck: „Unter Nutzung von Kinder- und Sklavenarbeit“, auf der das Foto eines ausgehungerten kleinen Kindes auf einer Kakaoplantage prangt?

 

Ute Holtmann, Juni 2017


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