Michael Gerling

GeschäftsführerTel:+49 221 57993-50
E-Mail:gerling@ehi.org Kontaktformular
16.04.2020

Chance vertan

Alle Themen #Corona #Einzelhandel

Ein Kommentar von Michael Gerling

Als gestern Abend die Bundeskanzlerin nach den Beratungen mit den Ministerpräsidenten vor die Presse trat, waren Teile des Einzelhandels bereits durch die durchgesickerten Informationen aus den Besprechungen tief enttäuscht. Bislang dürfen 20 Prozent der gut 475.000 Einzelhandelsbetriebe in Deutschland ihre Geschäfte grundsätzlich öffnen, ab dem 20. April kommen bis zu 75 Prozent dazu. Die übrigen Geschäfte, die für 15 bis 20 Prozent des Einzelhandelsumsatzes stehen, müssen geschlossen bleiben. Die Ankündigung, dass ab dem 20. April 2020 Einzelhandelsbetriebe mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 m² unter Auflagen öffnen können, und das Buch-, Fahrrad- und Kfz-Handel grundsätzlich und unabhängig von der Verkaufsfläche der einzelnen Betriebe ihre Geschäfte wieder aufnehmen dürfen, konnte im Einzelhandel insgesamt wenig erfreuen, denn sie führt zu einer starken Benachteiligung einiger weniger Unternehmen. Ganz genau stehen die Zahlen natürlich noch nicht fest, zumal die Auslegungen im Einzelnen noch von den Ländern zu bestimmen sind und dann auch vor Ort die Erfüllung der Abstandsregeln und Hygienevorschriften in jedem Einzelfall zu beurteilen sein wird. Zu den Einkaufszentren hat die Bundesregierung keine eindeutige Stellung bezogen.

Die Entscheidung trifft vor allem deshalb auf großes Unverständnis, weil jegliche sachliche Begründung fehlt und die Beweggründe auch bei genauerem Hinschauen nicht erkennbar werden. Es wäre nachvollziehbar gewesen, wenn die Kundenfrequenz beziehungsweise die Zahl der Kunden pro Quadratmeter Verkaufsfläche das wesentliche Kriterium für die Öffnungsentscheidung gewesen wäre. Offensichtlich scheint aber der schlichte Pragmatismus die Entscheidungen bestimmt zu haben, mangels Kompetenz in der Überwachung und Umsetzung. Die Größe der Verkaufsfläche lässt sich eben weitaus einfacher beurteilen als die Relationen von Fläche und Kundenzahl.

Wenn, wie immer wieder betont wird, vor allem das Abstandhalten wesentliches Kriterium zur Eindämmung der weiteren Verbreitung von COVID-19 ist, dann hätte niemals die schlichte Größe der Verkaufsfläche Maßstab für die Entscheidung über Geschäftsöffnungen sein dürfen. Die Entscheidung der Politik zeugt von mangelnder Sachkompetenz in Fragen des Einzelhandels. Und sie legt die Vermutung nahe, dass einerseits die Lobbyisten der Automobilindustrie wieder einmal ihren ganzen Einfluss geltend machen konnten und das Lesen und Radfahren zu den bevorzugten Freizeitaktivitäten unserer Politiker zählen.

Wenn es um Kundenfrequenz und Abstand geht, dann gibt es keinen generellen Unterschied zwischen einem Autohaus und manchem Möbelhaus. Und auch eine große Buchhandlung dürfte sich im Hinblick auf die Einhaltungsmöglichkeiten von Abstandsregeln nicht von einem Elektromarkt unterscheiden. Nicht zuletzt darf nicht übersehen werden, dass vor allem die sehr kleinen Geschäfte kaum in der Lage sind, die notwendigen Abstandsregeln einzuhalten. So werden große Teile der Einzelhändler in der Möbelbranche oder in der Unterhaltungselektronik nicht das geringste Verständnis für diese Entscheidung aufbringen können. Allein diese beiden Branchen zählen rund 25.000 Betriebe mit mehr als 200.000 Beschäftigten und einem Gesamtumsatz von fast 40 Milliarden €.

Schon die erste Phase des Shutdown hatte im Einzelhandel für Ungleichheiten gesorgt. Die Öffnung von Lebensmittelgeschäften und Drogeriemärkten stand für alle außer Frage, auch, wenn es vereinzelt Stimmen gab, die den Verkauf von Nonfood-Artikeln in diesen Geschäften kritisiert haben. Die Öffnung von Bau-und Gartenmärkten in großen Teilen der Republik war allerdings ausgesprochen umstritten. Und auch die regional uneinheitliche Auslegung von manchen Geschäftsmodellen, zum Beispiel beim click und collect, hat für viel Unverständnis gesorgt.

Nun führt die gestrige Entscheidung allerdings dazu, dass die Ungleichheiten stark verschärft und einige Wettbewerber im Einzelhandel eindeutig diskriminiert werden. Ihnen wird die Chance genommen, mit einem sinnvollen Konzept unter Wahrung von Abstands- und Hygienevorschriften das Geschäft unverzüglich wieder aufzunehmen. Am Ende sind mit der aktuellen Entscheidung natürlich sehr große Teile des Einzelhandels in Deutschland wieder in der Lage, die Türen für die Kunden zu öffnen. Manche Anbieter sind es aber eben nicht. Und das ohne klaren sachlichen Grund. Sie trifft es ganz besonders und es ist zu befürchten, dass diese Unternehmen die nächsten vier Wochen nicht überstehen werden.

Dennoch muss die Entscheidung auch positiv gesehen werden. Denn während zum Beispiel in der Gastronomie keinerlei Lockerungen in Sicht sind, gibt es im Handel unmittelbare Lockerungen und auch perspektivisch weitere positive Signale. Offensichtlich hat die Politik erkannt, welch große Bedeutung der Einzelhandel für die Menschen und für die Wirtschaft hat. Mit weit über 3 Millionen Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 550 Milliarden € wird jeder sechste Euro des Bruttoinlandsproduktes vom Einzelhandel erwirtschaftet.

Der Einzelhandel ist ein wesentlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens, in der Innenstadt genauso wie in der Nachbarschaft. Und der Einzelhandel hat gerade in den letzten Wochen unter Beweis gestellt, dass er die Bevölkerung auch in schwierigsten Situationen mit allem nötigen versorgen kann. Die Lebensmittelhändler haben eine enorme Leistung erbracht. Unglaublich, mit welch großem Einsatz die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den letzten Wochen ihre Arbeit gemacht haben. Sehr bedauerlich, dass viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Nonfood-Handel auch weiterhin durch Kurzarbeit betroffen sind und ihnen in manchen Unternehmen nun auch die Arbeitslosigkeit droht.

 

Michael Gerling
April 2020

 


Ähnliche Meldungen

17.06.2021 New Work im Handel: Pflicht oder Kür?

Interview mit Thomas Klein, Leiter Personal und Organisation bei Schuh und Sport Mücke. Die Mücke Gruppe ist ein mittelständisches Unternehmen mit rund 750 Beschäftigten und 17 Filialen. EHI:

27.05.2021 Ein ausgezeichnetes Konzept

Für den Convenience-Store Teo erhielt Tegut im Frühjahr  den reta-Award. Was ist das Besondere an dem smarten Store und wie funktioniert der Shop technisch? Dazu haben wir Verena Kindinger,

08.04.2021 Weg mit Einweg-Plastik

Interview mit Sonia Grimminger vom Umweltbundesamt // Einweg-Plastik wird verboten: Der Bundestag und Bundesrat haben der Verordnung zugestimmt. Sie soll am 3. Juli 2021 in Kraft treten. Was sind

25.03.2021 Handel braucht Perspektive

Einmal mehr kann das Land dem Lebensmittelhandel und seinen Zulieferern dankbar sein. Seit nun fast einem Jahr ist die Versorgung der Bevölkerung auf höchstem Niveau sichergestellt. Abgesehen von

23.03.2021 Retail Innovations Stream: Blick hinter die Kulissen

Möchten Sie wissen, wie es hinter die Kulissen des EHI Retail Innovation Streams aussah? Wir haben eine kurze Bilderstrecke für Sie

23.03.2021 Retail Innovations

Technologie-Innovationen für den Handel bei den EHI Innovation Days 2021 // Am dritten Tag der EHI Innovation Days zeigte sich die ganze Bandbreite der neuesten technologischen Entwicklungen im

25.02.2021 Breuninger: Klage auf Ladenöffnung

Interview mit Christian Witt, Director Corporate Communications, Breuninger // Breuninger hat in sechs Bundesländern Eilanträge für die Öffnung seiner Filialen oder Entschädigung eingereicht?

16.02.2021 Plötzlich Lockdown

Interview mit Christoph Saalmann, Senior Sales Executive, REFLEXIS, Now part of Zebra Technologies // Wie erreicht ihr in Pandemie Zeiten eure Kunden? Welche Formate haben sich als erfolgreich

04.02.2021 Booster für den Onlinehandel

Mit einem nahezu verdoppelten Marktwachstum gehört der Onlinehandel klar zu den Gewinnern der Corona-Pandemie. Durch das starke Wachstum war 2020 auch die Handelslogistik noch stärker gefordert.

28.01.2021 Auf Berg- und Talfahrt durch den Wandel

3 Fragen an Olaf Hohmann, EHI-Experte für Handelsgastronomie // Die Lockdowns in Deutschland haben die Gastronomiebranche im Jahr 2020 extrem hart getroffen. Wie ist die Lage in der Gastronomie

21.01.2021 Sicherheit steigern & Stromverbrauch senken

In welcher Form hat Corona den Ladenbau im Handel 2020 geprägt? Was wird davon auch nächstes Jahr relevant sein? Horbert: Der Einkauf im Handel stand im letzten Jahr ganz im Zeichen von Social

21.01.2021 Dynamik der Digitalisierung

Die Digitalisierung beschäftigt alle Bereiche des Handels und hat im Corona-Jahr weiter stark an Dynamik gewonnen. Auch 2021 wird es mit Vollgas weitergehen. Welche Technologien die Handelswelt

14.01.2021 Kostendruck durch Corona

Wir haben unsere Expertinnen für Handelsimmobilien und Expansion, Lena Knopf und Kristina Pors, gefragt, wie sich die Mietverhältnisse und das Expansionsverhalten im Handel dieses Jahr entwickeln

14.01.2021 Personal im Handel: Flexibel & agil

Wir haben unsere Expertinnen für Personal im Handel, Vanessa Tuncer und Ulrike Witt, gefragt, welche Entwicklungen sich im Bereich Handelspersonal im vergangenen Jahr hervorgetan haben und wie es in

16.12.2020 Blick auf das Handelsjahr 2020

Liebe Freunde und Förderer des EHI, am vergangenen Montag haben wir unsere Jahresprognose für den Einzelhandelsumsatz 2020 einkassiert. Elf Öffnungstage gestrichen, und das im wichtigsten Monat