Marco Atzberger

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01.09.2014

Die Grenzen des Wachstums

Alle Themen Handelsstruktur Immobilien + Expansion #E-Commerce #Expansion #Möbelhandel

Ein Kommentar von Marco Atzberger, EHI-Geschäftsleitung

Ganz aktuell zeichnen sich die Grenzen des Wachstums für den stationären Handel in der Möbelbranche ab. 31,05 Mrd. Euro haben die Deutschen in 2013 für Möbel und Dekorationsartikel ausgegeben. Statistisch gesehen hat somit jeder Bundesbürger im letzten Jahr 461 Euro in seine Wohnraumgestaltung investiert. Damit hat der Möbelhandel einen Anteil von 7,2 Prozent am gesamten Einzelhandelsumsatz – und der hat sich in den letzten fünf Jahren kaum verändert!

Dennoch ist eine dynamische Expansion der Großflächen ab 25.000 qm geplant. So sind für die nächsten drei Jahre 19 Neueröffnungen in dieser Größenkategorie in der Pipeline, die zusammen eine Verkaufsfläche von ca. 720.200 qm aufweisen werden. Aktuell gibt es in Deutschland  bereits 167 großflächige Möbelgeschäfte mit einer Verkaufsfläche von mindestens 25.000 qm. Diese verfügen über eine gemeinsame Verkaufsfläche von insgesamt 5,9 Mio. qm. Die Art und der Umfang des Flächenwachstums verwundern.

Verbraucherverhalten und Demografie sprechen nicht für die Standorte des klassischen Möbeleinzelhandels in den Stadtrandlagen und auf der grünen Wiese. Innenstädte sind attraktiv als Wohnorte, in denen viele Menschen abseits klassischer Familienstrukturen und auch ohne eigenes Auto leben und einkaufen. 2030 werden mehr als 80 Prozent der Bevölkerung in 1- und 2-Personen-Haushalten leben, prognostiziert das statistische Bundesamt.

Dem Trend zur Urbanisierung folgt der große Möbelhandel aber nur sehr vereinzelt. Ein Beispiel ist der im Juni 2014 neu eröffnete Ikea Citystore in Hamburg-Altona mit einem auf die besonderen Ansprüche des städtischen Einkaufens abgestimmten Konzept. Außerdem kaufen immer mehr Kunden online ein, und im Verhältnis zum Gesamtmarkt entwickelt sich der Umsatz mit Möbeln und Dekorationsartikeln im Internet dynamisch – lag er 2011 noch bei 1,3 Mrd. Euro, stieg der Umsatz in 2013 auf 1,48 Mrd. Euro.

Woran liegt es, dass trotzdem in der Branche der Gigantismus am Stadtrand blüht?
Der Onlineanteil am Gesamtmarkt ist eben im Möbelhandel noch geringer als in anderen Branchen.  Die Zweifler an der Online-Tauglichkeit haben also noch immer gute Argumente – obwohl 1,48 Mrd. Euro schon mehr als ein Proof of Concept sind und sowohl Start-ups als auch einige der Etablierten den Markt entwickeln.

Gleichzeitig können die Genehmigungsverfahren zu Neuansiedlungen zu Fehleinschätzungen führen. Das ist genau dann der Fall, wenn die zu Grunde gelegten Flächenproduktivitäten Branchenzahlen sind, statt sich an den tatsächlich expandierenden Unternehmen zu orientieren. Je nach Quelle liegen die Maximalwerte für den Umsatz pro Quadratmeter von Möbelhändlern zwischen 2.150 Euro/qm und 2.380 Euro/qm. Die Berechnungen des EHI zeigen bei einigen Möbeleinzelhändlern sogar Flächenproduktivitäten von über 3.000 Euro/qm. Es gibt aber auch Beispiele, bei denen kann die Flächenproduktivität auch mal unter 1.000 Euro/qm liegen.

Die Schere geht also immer weiter auseinander. Weiteres Flächenwachstum wird den Druck auf die erfolgsentscheidende Kennzahl Flächenproduktivität noch weiter verschärfen. Besonders die klassischen Möbeleinzelhändler mit Vollsortiment sind gefordert, die Besonderheit ihres Konzepts klarer hervorzuheben und gleichzeitig online Flagge zu zeigen. Denn der Kunde sollte nicht zur Wahl zwischen stationär oder online gezwungen werden – vielmehr muss der Handel ihm die unterschiedlichen Einkaufsmöglichkeiten so komfortabel wie möglich gestalten und ihn im gesamten Kaufprozess begleiten.

Lesen Sie dazu auch das kostenlose EHI Whitepaper Die Grenzen des Wachstums und das Gespräch mit Johannes Ferber, Ikea.


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