Frank Horst

Leiter Forschungsbereich Inventurdifferenzen + SicherheitTel:+49 221 57993-53
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31.07.2015

Diebstahl als Kavaliersdelikt?

Alle Themen Inventurdifferenzen + Sicherheit

Bußgeld bei Ladendiebstahl macht aus einer Straftat eine Ordnungswidrigkeit

Ladendiebstahl ist keine Bagatelle und verursacht im Handel jährlich mehrere Milliarden Euro Schaden. Die überlasteten Staatsanwaltschaften und Polizeidienststellen mit einer vereinfachten Handhabung durch Bußgelder zu entlasten, wäre ein völlig falsches Signal, meint unser Inventur- und Sicherheitsexperte Frank Horst, denn damit würde eine Straftat zu einer Ordnungswidrigkeit heruntergestuft. Dann würde Ladendiebstahl formal so in etwa behandelt wie Falschparken …

Trotz immer besserer Sicherheitssysteme im Handel, trotz jährlichen Investitionen von rund 1,3 Mrd. Euro in Technik und Personal – die Inventurdifferenzen sind seit Jahren nahezu unverändert hoch: Rund 3,9 Mrd. Euro gehen dem Handel jährlich verloren. Handelsexperten schätzen, dass davon auf Ladendiebstähle durch vermeintliche Kunden rund 2,1 Milliarden Euro zurückzuführen sind – jedes Jahr. Besonders erschreckend dabei ist, dass der einfache Ladendiebstahl zwar stagniert, aber der sogenannte schwere Diebstahl in den letzten sieben Jahren um 240 Prozent angestiegen ist! Bei schwerem Diebstahl handelt es sich grundsätzlich um Taten mit höherer krimineller Energie, weil  z.B. Warensicherungen überwunden werden. Hinzu kommt eine deutlich spürbare Zunahme von organisierter Bandenkriminalität, die zwar häufig erkannt, aber in den seltensten Fällen als solche angezeigt werden kann.

Bußgeld bedeutet Bagatellisierung

Nun kommt die Gewerkschaft der Polizei mit einem Lösungsvorschlag: Um dem Dilemma des überlasteten Staatsdienstes einerseits und den mangels Bestrafung übermotivierten Ladendieben anderseits zu begegnen, schlägt der GdP-NRW-Landesvorsitzende Arnold Plickert vor, Delikte mit geringer krimineller Energie mit einem Bußgeld zu ahnden. Das sei besser als die Täter ganz ungeschoren davon kommen zu lassen. Es wäre aber ein völlig falsches Signal! Denn damit würde Ladendiebstahl bagatellisiert – so auch die Meinung vieler Handelsexperten – und quasi von einer Straftat zu einer Ordnungswidrigkeit zurückgestuft, also auf die gleiche Stufe gestellt wie z.B. Falschparken!

Steigende organisierte Bandenkriminalität

Viel Sorge bereitet dem Handel in diesem Zusammenhang auch die Zunahme organisierter Kriminalität. Das Bundeskriminalamt beziffert allein den Schaden durch georgische Banden auf 250 Millionen Euro pro Jahr! Zusammen mit Banden anderer Herkunft und gewerbsmäßigem Diebstahl dürfte der Schaden durch „professionelle Akteure“ mittlerweile 500 Millionen Euro übersteigen, was wertmäßig also einem Viertel aller Ladendiebstähle entspricht! Oftmals werden diese Täter nur als einfache Ladendiebe erkannt und behandelt, jedoch – und das ist wichtig – verfahrenstechnisch registriert!
Bei Ersttäterschaft werden Ladendiebstahlsanzeigen meistens eingestellt. Dennoch sollte jeder Ladendiebstahl angezeigt werden, denn eine Anzeige ist die einzige Möglichkeit Mehrfachtäter zu erkennen. Außerdem besteht erhöhte Wiederholungsgefahr, wenn man Diebstahl nicht anzeigt. Darüber hinaus können über die strafrechtlichen Verfahrensregister weitere Strafbestandmerkmale wie Gewerbsmäßigkeit, Hehlerei oder Bandendelikte zur Verurteilung beitragen. Ladendiebstahl als Ordnungswidrigkeit herabzustufen würde also Wiederholungstätern und der organisierten Kriminalität in die Hände spielen, da ihre Taten nicht mehr dokumentiert würden. Zurzeit sieht das Gesetz bei Diebstahl Geldstrafen vor, aber auch Freiheitsentzug bis zu 5 Jahren, bei schwerem Diebstahl sogar bis zu 10 Jahren. In der Praxis werden schon heute viel zu selten „harte“ Strafen ausgesprochen. Umso wichtiger ist es, Wiederholungstäter und Banden zu erkennen, die dann mit jeder weiteren Tat härter sanktioniert werden könnten.

Prävention allein reicht nicht

Der Handel hat seine Hausaufgaben gemacht. Er investiert Milliardenbeträge in Prävention wie Sicherheitspersonal, Warensicherung, Videoüberwachung und Schulung des eigenen Personals – alles Maßnahmen, die durchaus abschreckende Wirkung haben. In vielen Fällen kann gut geschultes Personal durch bloße Aufmerksamkeit und gezielte Kundenansprache die Zahl der Diebstähle, zumindest die von Gelegenheitstätern, deutlich reduzieren. Dennoch lassen sich nicht alle Ladendiebe von solchen Maßnahmen zurückhalten, wie die Zahlen eindeutig belegen. Wenn nun aber die Abschreckung gesetzlicher Art noch weiter minimiert wird und Ladendiebstahl zur Bagatelle wird, kann sich der Diebstahl für die Täter unter Umständen erst richtig lohnen.

Vereinfachte Verfahren

Eine viel wirkungsvollere Maßnahme wäre es, die Verfahren so zu vereinfachen, dass die Zeitspanne zwischen der Überführung eines Täters und der tatsächlichen Verurteilung deutlich verkürzt würde. Heute ist nach einer Straftat häufig so viel Zeit vergangen, dass die Täter sich in Sicherheit wiegen oder zumindest die Strafe kaum noch mit der Tat assoziieren. Beschleunigte Verfahren (gemäß §§ 417 ff. StPO), bei dem die Ladendiebe innerhalb kurzer Zeit ohne Hauptverhandlung die Strafe erfahren, würde eine deutlich bessere Abschreckung bedeuten als ein Bußgeld und so die Fallzahlen senken.

Frank Horst
Leiter Inventurdifferenzen + Sicherheit, EHI

Hintergrunddaten aus unserer Studie „Inventurdifferenzen im Handel 2015“


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