Michael Gerling

GeschäftsführerTel:+49 221 57993-50
E-Mail:gerling@ehi.org Kontaktformular
29.01.2015

Für Optimisten – Onlinehandel mit Lebensmitteln

Alle Themen E-Commerce #E-Commerce #Lebensmittel #Onlinehandel

Bild Onlinehandel mit Lebensmitteln

Quelle: Fotolia/3Dmask

Trotz großer Investitionsbereitschaft einzelner Pioniere und vieler Innovationen – Lebensmittel kaufen die Deutschen nur wenig online … ein Kommentar von Michael Gerling.

Kein Thema bewegt die Handelsbranche mehr als das Einkaufen im Internet. Nach Berechnungen des E-Commerce Verbandes (bevh) entfielen 2013 etwa 11 Prozent aller Einzelhandelsumsätze auf den Versandhandel, 80 Prozent davon auf Bestellungen über das Internet. Zwar hatte der Versandhandel auch vor 20 Jahren schon einen Marktanteil von 6 Prozent, nie war aber die Aufmerksamkeit für den Distanzhandel so groß wie heute. Kein Wunder, denn die Wachstumsraten des Onlinehandels waren in den letzten Jahren mit Werten deutlich über 10 Prozent beeindruckend.

Nahe Null: Onlineverkauf von Lebensmitteln

In vielen Branchen hat der Verkauf via Internet heute eine marktprägende Bedeutung. Bücher, Medien, Unterhaltungselektronik, Spielwaren und bald auch Mode – mit Marktanteilen von 20 bis 30 Prozent werden hier die traditionellen Strukturen der Handelsbranche deutlich verändert. Anders im Lebensmittelhandel. Hier liegt der Marktanteil in Deutschland fast bei Null. Zählt man die Umsätze der auf Lebensmittel spezialisierten Anbieter unter den 1.000 größten Onlineshops in Deutschland zusammen, dann kommt man nicht einmal auf 200 Mio. Euro im Jahr 2013 (ohne Tiernahrung, aber inklusive Wein und Tiefkühlheimdienst). Das ist zwar wenig ermutigend, dennoch gibt es eine Reihe von Pionieren, die hier kräftig  investieren. Lieferung an die Haustür der Kunden, Abholung der online bestellten Waren im Geschäft oder Zustellung an Abholstationen jenseits von Haustür und Geschäft, all das wird heute erprobt.

Internationale Pioniere

Ob sich die Investitionen rechnen werden, kann heute niemand sagen. In der Schweiz hat es die Migros-Tochter LeShop in 15 Jahren auf einen Jahresumsatz von 160 Mio. Schweizer Franken gebracht – weiter wachsend und in den schwarzen Zahlen. Bemerkenswert: Auch bei Duchschnittsbons von 200 Franken sind die Schweizer bereit, Liefergebühren zu zahlen.
Der britische Lebensmittelhändler Tesco gilt weltweit als Vorbild in Sachen Onlineshopping. Seit Ende der neunziger Jahre treibt er sein Onlinegeschäft voran, und 8 Prozent des Tesco-Umsatzes in Großbritannien werden heute durch Bestellungen via Internet erwirtschaftet. Nach Aussagen von Tesco ist das Onlinegeschäft profitabel, das Unternehmen insgesamt ist aber zuletzt in eine deutliche Schieflage geraten und hat sich vom Shootingstar zum Sorgenkind der britischen Einzelhandelsszene entwickelt.

Ebenfalls in Großbritannien operiert der Onlinehändler Ocado, der seinen Wettbewerbsvorteil darin sieht, dass er nicht in den Geschäften, sondern in einem eigenen Lager kommissioniert. Hier fehlt es aber bisher an der kritischen Masse, und die Eigner mussten schon mehrfach Kapital nachschießen, um den Traum vom kostengünstigsten Lieferdienst nicht frühzeitig platzen zu lassen.

Und auch die mit viel Aufwand und modernster Technik laufenden Online-Projekte von Amazon-Fresh in Kalifornien und Seattle müssen noch beweisen, dass sie funktionieren. Immerhin hat Amazon mit dem „Dash“ ein tolles Gerät für die Haushalte entwickelt. Der schicke Scanner mit Spracherkennung kann durchaus in der Küche viel Spaß bringen und auch so den Einkauf online beflügeln.

Investitionen mit Augenmaß

Es ist nicht zu übersehen, dass die Erfolgsmeldungen rund um den Onlinehandel mit Lebensmittel rar sind. Und selbst der Online-Verfechter Oliver Samwer von Rocket Internet hat noch im letzten Jahr  auf dem Tengelmann-E-Day gesagt, dass ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept für den Onlinehandel mit Lebensmitteln noch nicht existiert. Zumindest eines sollten die Pioniere im Auge behalten: Investitionen mit Augenmaß sind hier angebracht.

Die Zustellung von Lebensmitteln ist zeit- und kostenaufwendig. Kommissionierung und Transport sind Leistungen, die der Kunde bisher selbst erbringt. Wer online zum selben Preis wie im Geschäft anbieten will, muss die Kosten über die Liefergebühren decken. Dies ist nicht ohne weiteres möglich, denn die Kunden akzeptieren schon Liefergebühren von mehr als 5 Euro kaum. Für diesen Betrag dürfte die Lieferung aber nur machbar sein, wenn der Markt stark wächst und die entsprechenden Degressionseffekte erreicht werden.

Auch die Entwicklung des Onlinemarktes insgesamt scheint an Dynamik zu verlieren. Statt einer exponentiellen Wachstumskurve haben wir in 2013 in Deutschland einen Rückgang des Umsatzzuwachses beobachtet. Ohne Amazon sind die Umsätze der 1.000 führenden Onlineshops nur noch im niedrigen einstelligen Bereich gewachsen. Es deutet also Vieles darauf hin, dass der stationäre Handel in den kommenden Jahren mit guten Geschäften auch weiterhin gute Geschäfte machen wird.


Ähnliche Meldungen

05.12.2018 Grenzenlos shoppen

Interview mit Andrea Balas, Projektleiterin Zertifizierung EHI Geprüfter Online-Shop, zur neuen Geoblocking-Verordnung / Was ist Geoblocking? Balas:  Geoblocking ist eine Technik, die

23.11.2018 Digitale Dörfer

Noch schnell in den Supermarkt um die Ecke – für manche Dorfbewohner schwer vorstellbar, denn im ländlichen Raum gibt es immer größere Versorgungslücken. Das „Digitale Dorf“ in Bayern

31.10.2018 E-Mail für Dich

Auch wenn die neue DSGVO es Unternehmen mitunter schwer macht, ihre Kunden zu adressieren, E-Mail-Marketing ist nach wie vor ein beliebtes Kommunikationstool. Fast alle Onlinehändler schreiben Mails

25.10.2018 Digitale Nähe

EHI-Experten diskutierten die Perspektiven von Logistik, Fulfillment und E-Commerce Hierzu einige aktuelle Thesen: Die Technologie treibt den E-Commerce vor sich her Es wird in der Branche häufig

18.10.2018 #Offlineshoppen

Pure Player eröffnen ihre stationären Geschäfte mit einem klaren Kundenfokus, weil sie es so gewohnt sind. Das kundenzentrierte Denken fällt vielen Offline-Brands hingegen schwer, so die

18.10.2018 Instagram als Quarterback

„Unser Store soll vom Urban Lifestyle bis hin zur Dschungelatmosphäre alles bieten“, so Fabian Deventer, Co-Founder von Kapten & Son, zur Eröffnung des ersten Flagship-Stores der

05.10.2018 Findige Fotohändler

Für viele mittelständische Fotofachhändler ist es schwierig, sich im Wettbewerb mit Internet-Konzernen und Großfilialisten zu behaupten. Um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen, spielen

28.09.2018 Die letzte Meile

Starkes Verkehrsaufkommen sowie hohe Schadstoffbelastungen in Städten machen die Belieferung auf der „letzten Meile“ zu einer echten Herausforderung. Zur Problemlösung existieren bereits

19.09.2018 Kundenorientierte Kommunikation

Interview mit Jeroen de Groot, Metro AG, über den chinesischen Markt / Im Interview erklärt Jeroen de Groot, Senior Executive Advisor der Metro AG (ehem. Geschäftsführer von Metro Jinjiang Cash

10.09.2018 Top 100 umsatzstärkste Onlineshops in Deutschland

E-Commerce-Umsatz 2017 der B2C-Shops für physische Güter in Mio. €: Zum zehnten Mal geben das EHI und Statista einen Überblick über den aktuellen E-Commerce-Markt in Deutschland. Auf Basis

06.09.2018 Butlers is back

Nach Abschluss der Planinsolvenz hat sich Butlers generalüberholt. So hat der Anbieter für Wohn-Accessoires sein Sortiment verkleinert und seinen Onlineshop überarbeitet. Mit einer Anpassung

31.08.2018 Ein Hauch von Luxus

Der einstige Online-Pureplayer Flaconi setzt jetzt auch im stationären Handel seine Duftmarke. In seinem ersten und vorerst einzigen Concept Store in Berlin präsentiert der Kosmetik-Händler

02.08.2018 Die Schönste im ganzen Land ...

Zalandos neues Beauty-Sortiment soll nun auch Offline-Kunden*innen schöner machen und dem Händler eine neue Einnahmequelle bescheren. In der Beauty Station gibt es alle Produkte, die es auch

12.07.2018 Same-Day in China

Dichter Verkehr ist in Chinas Großstädten normal. Dennoch finden die Chinesen stets Wege, um schnell zu liefern – sogar Same-Day ist kein Problem. Auf der C-star 2018 erklärt Prof. Dr. Helmut

05.07.2018 Metro macht Multichannel

Metro überrascht nach seiner Modernisierung mit einem neuen Marktkonzept in Düsseldorf, das insbesondere Kunden aus der Gastronomie alles bieten soll, was sie brauchen – und zwar auf allen