Michael Gerling

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25.03.2021

Handel braucht Perspektive

Alle Themen Handelsstruktur #Corona #Lebensmittelhandel

Einmal mehr kann das Land dem Lebensmittelhandel und seinen Zulieferern dankbar sein. Seit nun fast einem Jahr ist die Versorgung der Bevölkerung auf höchstem Niveau sichergestellt. Abgesehen von wenigen Lieferengpässen bei einzelnen Artikeln im Frühjahr 2020 macht die Lebensmittelbranche eine ausgezeichnete Arbeit. Die Frauen und Männer in der Branche halten in der Tat den Laden am Laufen, auch unter schwierigsten Bedingungen. Und statt zu murren, war die Branche auch am Mittwoch schon gestartet, die vielen durch die geplante Osterruhe anstehenden Probleme zu lösen. Respekt!

Die Entscheidung zur Osterruhe war am Dienstag auf völliges Unverständnis in der Branche gestoßen. Die Schließung des Lebensmittelhandels an einem der verkaufsstärksten Tage des Jahres hätte die Infektionsrisiken nicht reduziert, sondern sie mit großer Wahrscheinlichkeit sogar erhöht. Nicht weniger, sondern mehr Frequenz wäre die Folge gewesen und auch die Zahl der Kunden pro Quadratmeter wäre zwangsläufig gestiegen, wahrscheinlich bis an die Grenze der zulässigen Werte. Ohne Warteschlangen wäre das Ostergeschäft am Samstag wohl nicht machbar gewesen. Darin waren sich alle einig.

Dennoch blieb die öffentliche Kritik der meisten Handelsunternehmen weitgehend aus. Nur vereinzelt wurde Kritik aus den Reihen der Unternehmen zu vernehmen. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die Unternehmen resigniert haben. Die lange Liste nicht nachvollziehbarer Ad-hoc-Entscheidungen am Ende langer Sitzungen zwischen dem Bund und den Ländern und das gewohnte Abweichen der Länder von den gemeinsamen Beschlüssen hat das Vertrauen in die Arbeit der Politik stark gestört.

Statt mit Proteststürmen an die Öffentlichkeit zu gehen, haben sich die Unternehmen vielmehr darauf konzentriert, die anstehenden Probleme pragmatisch zu lösen. Agieren statt Lamentieren – so war offensichtlich die Einstellung der Branche. Und das bei einer Liste von zu lösenden Aufgaben, die sehr lang gewesen wäre.

Die Verlängerung der Öffnungszeiten, zumindest am Mittwoch und Samstag wäre sicher bei allen obligatorisch gewesen, um die fehlenden Stunden am Donnerstag zumindest teilweise zu kompensieren. Neue Einsatzpläne und die Vorbereitung der Kommunikation über Schilder vor den Märkten, über die Webseiten und soziale Medien waren schon in Arbeit, in manchen Fällen war sogar das Zeitfenster für die Druckfreigabe der Handzettel noch offen und fast hätten einige Unternehmen schon am Mittwoch ihre neuen Öffnungszeiten in den Druck gegeben.

Weitaus gravierender war dagegen die drohende komplette Veränderung von Logistik. Das Umlenken der Warenströme auf die verbleibenden Öffnungstage hätte zu erheblichem Aufwand geführt und wäre teilweise sogar unmöglich gewesen. Für den Mittwoch hätte man sicher 30 bis 35 Prozent des Wochenumsatzes erwarten können, am Samstag wären die Märkte wahrscheinlich überrollt worden, besonders, wenn auch die Schließung der Drogeriemärkte Bestand gehabt hätte.

Dabei wären die Probleme gleich auf mehreren Ebenen kaum zu lösen gewesen. Zu eng sind inzwischen die Lieferketten der Unternehmen mit dem Absatz verbunden. Just-in-time-Konzepte gibt es schon lange auch zwischen dem Einzelhandel und seinen Vorstufen. Dies nicht nur im Aktionsgeschäft für Nonfood-Artikel, auch bei Frischwaren sind die Produktionsstufen heute bis in die Landwirtschaft hinein eng verzahnt und perfekt aufeinander abgestimmt. Mit den Regionallieferanten hätten die Unternehmen vieles sicher noch regeln können, bei den großen Massendistributionsartikeln wäre es aber mehr als eng geworden.

Auch mit den vielen Vorbestellungen für die Ostertage wären die Supermärkte pragmatisch umgegangen. Die Vorbereitungen, um hunderte von Kunden anzurufen und alternative Abholungen am Samstag anzubieten, waren vielfach bereits angelaufen. Manche Unternehmen hatten damit aus dem letzten Weihnachtsgeschäft bereits Erfahrungen gemacht, als über Nacht zum Teil Landesgrenzen geschlossen wurden und die Abholung vorbestellter Waren zunächst unmöglich erschien.

Nun, die Branche hätte am Ende gelöst, was zu lösen ist – wie so oft in den vergangenen 12 Monaten. Und ja, es wäre auch diesmal irgendwie wieder gut gegangen. Dennoch gut, dass die Beschlüsse gestern wieder einkassiert wurden. Auch das verdient Respekt. Aber es muss sich in der Planung etwas ändern. Natürlich ist das eine schwierige Situation für alle, aber nächtliche Beschlüsse ohne Einbeziehung der Expertise der Branche, das kann so nicht mehr weitergehen.

Nicht nur im Lebensmittelhandel wurde immer wieder bewiesen, dass die Branche sehr flexibel und nicht weniger verantwortungsbewusst auf die Herausforderungen der Zeit reagieren kann. Hygienekonzepte, Zugangskontrollen, Einkauf mit Terminvereinbarung, was auch immer nötig war, der Handel hat geliefert, schnell und unkompliziert. Und die Branche hat investiert. In Schutzmaßnahmen, in Digitalisierung und neue Verkaufskonzepte.

Was die Branche nun endlich braucht, ist eine verlässliche Perspektive. Das Warten auf die Rückkehr der Normalität durch die flächendeckende Impfung kann nicht die richtige Strategie sein. Viel zu groß sind die Unsicherheiten, ob dieser Plan überhaupt jemals aufgehen wird. Der Inzidenzwert kann nicht mehr das alleinige Maß der Dinge sein.

In den Märkten des Lebensmittelhandels treffen sich jeden Samstag Tausende von Menschen. Nirgendwo sonst im Einzelhandel ist die Kundenfrequenz auch nur annähernd so groß wie hier. Aus mehreren Studien ist bekannt, dass die Infektionsrisiken hier zu vernachlässigen sind. Die Krankheitsquote in der Branche ist nicht höher als vor Corona und die Mitarbeitenden machen ihre Arbeit gut, weil sie sich selbst sicher fühlen. Einkaufen mit Maske und Hygienekonzept ist kein Risiko. Nicht im Lebensmittelhandel und schon gar nicht in anderen Branchen des Handels. Die Branche hat es verdient, dass dies endlich verstanden wird.

 

Michael Gerling
März 2021


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