Horst Rüter

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09.05.2016

Kreditkarte hurra!?

Alle Themen Zahlungssysteme #Kreditkarte #Kreditkartenbranche

Bildnachweis: MarcusPhoto1 (istockphoto)

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Um 2,278 Mrd. Euro ist das Volumen der Kreditkarten im stationären deutschen Einzelhandel im Jahr 2015 gewachsen. Das entspricht einer Steigerung von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit haben Mastercard, Visa, Amex & Co. prozentual so kräftig zugelegt wie keine andere Zahlungsart. Wird Deutschlands Handel jetzt zum Eldorado der Kreditkartenbranche, zum Wachstumsmotor und EBIT-Treiber der mittlerweile allesamt börsennotierten, multinationalen Konzerne? Deutschland von der Kreditkartendiaspora zum Tigerstaat?

Ganz sicherlich nicht! Noch immer liegt der Anteil der Kreditkarte mit 5,7 Prozent am 400 Mrd. Euro großen Umsatzkuchen des Einzelhandels eher auf Deko-, denn auf Substanzlevel. Mit 152,4 Mrd. Euro haben die über Debitkarten erzielten Umsätze im Handel eine fast siebenmal so hohe Bedeutung. Und Deutschland wird mit seiner Girokontokultur inkl.  Dispokreditrahmen auch auf absehbare Zeit ein Land der Debitkartenzahler bleiben.

Kreditkarte im Discounter

Die bundesweite Einführung der Kreditkarte bei den Aldis, bei Lidl oder MediaSaturn im letzten Jahr darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass dort momentan bestenfalls homöopathische Anteile erreicht werden. Immerhin hat das Einlisten der Kreditkarte als kräftige Wachstumsbremse des Debitmarktführers girocard/electronic cash gewirkt. Erstmals seit Einführung des Systems vor 25 Jahren ist dessen Anteil – sehr zum Leidwesen seiner Protagonisten in der Deutschen Kreditwirtschaft – rückläufig. Es grüßt die Kannibalisierung.

Seien wir doch mal ehrlich… ohne tatkräftige Regulierungsunterstützung aus Brüssel  und Straßburg, die das Level der Kreditkartendisagien bei den großen Unternehmen immerhin auf bis zu 0,5-0,6 Prozent gedrückt hat, hätten sich die genannten Big-Player des Handels vermutlich nie auf das Abenteuer Kreditkarte eingelassen. Warum auch, wenn gleichzeitig die Akzeptanzkosten für sichere Debitkartenzahlungen auf durchschnittlich 0,197 Prozent reduziert werden? Aber nun darf man sich kundenfreundlich zeigen, wohlwissend, dass das Pflänzchen Kreditkarte in Anbetracht der mentalen Haltung der Bundesbürger wohl eher nicht Mammutbaumgröße erreichen wird.

Kreatives Gebühren-Erfinden

Die Kreditkartengesellschaften – wehmütig auf die Margen der alten Zeit blickend – tragen nun auch noch ihren Teil dazu bei, den Bonsaistatus zu erhalten, anstatt mit flankierenden Maßnahmen Wachstumsdünger zu streuen.

Anders ist die kreative Neuentwicklung sogenannter Card Scheme fees, über die fast alle Händler unisono ihr Leid klagen, nicht zu erklären. Kennen Sie „Processing Integrity fees“, „Acceptance Development fees“ oder „MasterCard Dispute Administration fees“? Das sollten Sie, wenn Sie die Einführung von Kreditkartenzahlung beabsichtigen und der Meinung sind, mit auf 0,3 Prozent gedeckelter InterChange-Gebühr sei der Drops gelutscht. In jedem Fall deutet sich hier ein heißer Kandidat für den Kreativitätspreis der Wirtschaft an… Wie sehen es eigentlich die zuständigen EU-Gremien, die mit der Deckelung der InterChange-Gebühren zum Dezember 2015 Erleichterungen  für Handel und Verbraucher schaffen wollten, wenn diese Erleichterungen an anderer Stelle wieder aufgepackt werden?

Undurchsichtige  Praxis

Auf Unverständnis im Handel stoßen auch die zahlreichen Ausnahmeregelungen der MIF-Verordnung, die für Business Cards aber auch für alle American Express-Karten gelten. Zwischen 20 und 25 Prozent aller Kreditkarten werden nach Auskunft der befragten Händler zur Zeit von der Regulierung freigestellt und damit nahezu wie früher bepreist – und das interessante ist, dass man es, abgesehen von Amex, nicht schon beim Kassieren, sondern erst auf der Abrechnung sieht. Rund ¾ der Händler des EHI-Erhebungspanels zu diesem Thema empfinden die momentane Praxis als nicht durchschaubar und unverständlich. Schafft man sich damit weitere Freunde?

Die Deutsche Kreditwirtschaft lernt gerade, mit deutlichen Gebührenreduzierungen umzugehen und sich neu zu positionieren. Um 125 Mio. Euro – so schätzt das EHI – werden sich die Gebühreneinnahmen in 2016 durch die Regulierung des girocard-/electronic-cash-Systems verringern. Es verbleiben aber immer noch 175 Mio. Euro zum Betrieb und zur Weiterentwicklung des marktführenden Verfahrens. In einigen Jahren wird sich das verordnete Arrangement mit dem Handel auszahlen, auch wenn das momentan vielleicht noch nicht so aussieht.

Bei den Kreditkarten hatte man eine ähnliche Hoffnung, aber eine Diät mit heimlicher Zuführung ungesunder Substanzen hat selten langfristigen Erfolg.

 

Köln, im Mai 2016
Horst Rüter, EHI


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