Thomas Kempcke

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30.04.2020

Lieferausfälle und Personalmangel

Alle Themen Logistik #Corona #Intralogistik #Personalbestand

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Handelslogistik //

Die Verbreitung des Corona-Virus hat in den vergangenen drei Monaten in vielfältiger Weise die Logistik der in Deutschland vertretenen Handelsunternehmen beeinflusst. Am markantesten wird das an den zeitweiligen Verkaufsstellen-Schließungen mit den entsprechenden Rückwirkungen auf die Warendistribution deutlich. In einer Blitzumfrage hat das EHI die Auswirkungen der Pandemie auf die Handelslogistik untersucht.

Auswirkungen auf die Warenbeschaffung

Auf die Warenbeschaffung hat die Pandemie deutliche Auswirkungen, besonders was zeitliche Verzögerungen, die mit 87,5 Prozent von den meisten Teilnehmern genannt wurden, und reduzierte Anliefermengen mit 56,3 Prozent betrifft.

Selbst komplette Lieferausfälle wurden von fast der Hälfte der Studienteilnehmer als Folge des Virus genannt.
Weitere Effekte wie ein erzwungener Wechsel auf andere Verkehrsträger oder Änderungen der Transportrouten machen dagegen dem Handel weniger zu schaffen. Hiervon sind mit 18,8 bzw. 15.6 Prozent noch nicht mal ein Viertel der teilnehmenden Händler betroffen.

In einer zusätzlichen offenen Frage konnten weitere Auswirkungen angegeben werden, wobei ein Anstieg der Beschaffungskosten, außerdem zeitweilige Bestellungsstopps genannt wurden.

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Auswirkungen auf den Personalbestand in der innerbetrieblichen Handelslogistik

Die rasante Verbreitung des Virus hat nach Angaben der Studienteilnehmer in fast zwei Drittel aller Fälle einen erhöhten Krankenstand verursacht, hier dürften auch Fälle darunterfallen, bei denen Mitarbeiter lediglich in häusliche Quarantäne geschickt werden, von wo aus sie gerade in der Logistik ihren Job häufig nur bedingt oder gar nicht ausüben können.

Personalüberkapazitäten, mit 44,5 Prozent bei knapp der Hälfte der Händler zu verzeichnen, und ein erhöhter Personalmangel, in diesem Fall mit einem Anteil von 54,2 Prozent bei gut der Hälfte der Teilnehmer ermittelt, schließen sich insofern nicht aus, als dass z. B. durch Nachfrageverlagerungen vom stationären zum Online-
Vertrieb im gleichen Unternehmen an der einen Stelle ein Mehrbedarf an Personal entsteht, während gleichzeitig in einem anderen Bereich Kapazitäten frei werden.

Knapp 4 Prozent der teilnehmenden Handelsunternehmen gaben im Übrigen an, über keine eigene Logistik mit zugehörigem Personal zu verfügen.

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Maßnahmen im Bereich Logistikpersonal zur Bewältigung der Corona-Krise

Von den zahlreichen Maßnahmen, die dem Handel im Bereich Logistikpersonal zur Bewältigung der Pandemie zur Verfügung stehen, wird die zumindest temporäre Verlagerung ins Home-Office besonders häufig genutzt, wobei das für viele Arbeitsplätze, die z.B. das Transportieren, Packen oder Lagern von Ware betreffen, nicht umsetzbar ist. Hiervon dürften eher Verantwortungsbereiche, die mit der Überwachung bzw. Steuerung der Abläufe verbunden sind, betroffen sein. Ein Großteil der weiteren Maßnahmen, die des Öfteren genannt wurden, betrifft die Bewältigung von Überkapazitäten einerseits und den Ausgleich von Personalengpässen auf der anderen Seite.

18,8 Prozent der teilnehmenden Unternehmen nannten im Rahmen einer offenen Frage weitere Maßnahmen. Dazu gehören der Abbau von externen Mitarbeitern bzw. die Abmeldung von Zeitarbeitnehmern, auf der anderen Seite aber auch die Erhöhung des Leiharbeiterbestandes. Mehrfach wurde darüber hinaus die Einrichtung eines Schichtsystems mit der Aufteilung der entsprechenden Mitarbeiter auf die jeweiligen Schichten erwähnt, um das Risiko einer Ansteckung zu verringern.

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Auswirkungen auf die Intralogistik

Über zwei Drittel der teilnehmenden Handelsunternehmen meldeten veränderte Bestellmengen aus den Filialen als häufigsten Effekt auf die eigene innerbetriebliche Logistik. Diese dürften auf mehrere Ursachen zurückzuführen sein, wie z. B. die vom Gesetzgeber verordneten temporären Filialschließungen oder die sogenannten Hamsterkäufe.

Die Verschiebung der Kundenachfrage und damit die mengenmäßige Verlagerung in den Online-Markt wurde von 56,3 Prozent der Teilnehmer genannt. Allerdings ergaben sich letztendlich nur bei 9,4 Prozent der Händler Verschiebungen zwischen den Lagerungsarten, was darauf schließen lässt, dass in den meisten Fällen ausreichend Reserven bei den Lagerungskapazitäten in den jeweiligen Bereichen vorhanden sind.

Die Bestellhäufigkeiten von der Einzelhandelsebene her haben sich nur bei 40,6 Teilnehmer geändert. Vermutlich sind die von den jeweiligen Dispositionskonzepten bestimmten Bestellzyklen für jede Verkaufsstelle nicht nur relativ starr, sondern müssen auch im Zusammenhang mit der Tourenplanung für die Auslieferung der Bestellungen betrachtet werden.

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Auswirkungen auf die Warendistribution

Genau die Hälfte der in die Studie involvierten Handelsunternehmen bestätigten Auswirkungen der Pandemie auf die Auslastung der vorhandenen Transportkapazitäten, in der Regel dürften dies eher abnehmende Transportmengen infolge der von der Regierung beschlossenen Einschränkungen der Ladenöffnungen sein. Dafür spricht auch der Umstand, dass mit 15,6 Prozent mehr Händler zeitweilige Überkapazitäten bei den Fahrern als einen zunehmenden Fahrermangel beklagten (nur 6, 3 Prozent). Hier wurde unter dem Stichwort „Sonstige Auswirkungen“ erklärt, dass Fahrer dann entweder in Kurzarbeit gehen oder in anderen Lagerbereichen eingesetzt werden.

Immerhin gab auch ein Viertel der Teilnehmer durch Corona verursacht einen zusätzlichen Bedarf an Transportkapazitäten bzw. Fahrern an.

Verstärkte Kontrollen und sonstigen Einreisebeschränkungen führten bei gut 40 Prozent der Handelsunternehmen zu Behinderungen im grenzüberschreitenden Verkehr.

Als weitere sonstige Auswirkungen wurden die schlechtere Kalkulierbarkeit von Lieferrouten im internationalen Warenverkehr sowie eine zunehmende Verschiebung von Filial- zu Kundenbelieferungen genannt. Eine andere Entwicklung, der zunehmende Anteil an KEP-Sendungen, steht mit dem letztgenannten Aspekt in engem Zusammenhang.

Wie schnell sich die anfangs unterschätzte Entwicklung der Pandemie auf die Distributionskosten auswirken kann, zeigt sich der Hinweis eines Teilnehmers, der ein vermehrtes Retourenaufkommen durch Transporteure aufgrund geschlossener Läden beklagte. Die Informationsdefizite einiger an der Lieferkette beteiligten Unternehmen konnten in diesem Fall nicht schnell genug beseitigt werden und führten zu überflüssigen Transporten.

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Fazit

Die Ergebnisse der Umfrage können derzeit nur den Ist-Zustand seit Beginn der Pandemie wiederspiegeln. Fast noch interessanter scheint die Frage nach den langfristigen Auswirkungen. Das wird im Wesentlichen davon abhängen, wie lange die Pandemie noch andauern wird, was derzeit noch nicht abzusehen ist. Wie wird sich das Kundenverhalten danach ändern, ist eine weitere offene Frage mit mehr oder weniger einschneidenden Konsequenzen für die Handelslogistik. Nicht wenige Experten gehen z. davon aus, dass die Pandemie dem E- Commerce einen weiteren nachhaltigen Schub verleihen wird.


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Vorgehensweise der Studie

Das EHI hat im Zeitraum 02. bis 17. April eine Online-Befragung unter Logistikleitern im Handel zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Handelslogistik durchgeführt. Dabei mussten im Multiple-Choice-Verfahren Fragen zu den Bereichen Warenbeschaffung, interne Logistik, Warendistribution und Logistik-Personal beantwortet werden.

Insgesamt wurden 159 Logistiker zur Teilnahme an der Studie eingeladen, von denen 32 die Fragen beantworteten, was einer Quote von 20,1 Prozent entspricht. Acht Teilnehmer gaben dabei keine Kontaktdaten an.


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