Ulrike Witt

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17.06.2021

New Work im Handel: Pflicht oder Kür?

Alle Themen Personal im Einzelhandel #New Work

Interview mit Thomas Klein, Leiter Personal und Organisation bei Schuh und Sport Mücke. Die Mücke Gruppe ist ein mittelständisches Unternehmen mit rund 750 Beschäftigten und 17 Filialen.

EHI: Herr Klein, was bedeutet für Sie das Schlagwort New Work bzw. was verstehen Sie darunter?

mmm-Seite001Thomas Klein: New Work ist in den letzten Jahren in Mode gekommen und es gehört zum guten Ton eines Unternehmens, dass man entsprechende Maßnahmen umsetzt. Ich persönlich sehe es als eine Notwendigkeit an, um sich den Herausforderungen der sich doch stetig wandelnden Arbeitswelt zu stellen und insbesondere diese Herausforderung in Einklang mit den Bedarfen der Mitarbeitenden zu bringen. Wir haben bei uns den Leitsatz „Gute Laune, gutes Geschäft“. Der Satz klingt so banal, ist aber im Nachgang so tiefgründig, weil es da um Schlagwörter wie Mitbestimmung, Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Mitarbeiterführung bzw. Mitarbeitercoaching geht. Im Endeffekt ist es ganz einfach: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die Spaß daran haben, etwas umzusetzen, was sie selbst mitentschieden haben, die bringen eine ganz andere Dynamik und Energie in das, was sie tun. Insofern sind unsere Bemühungen bei Mücke so ausgerichtet, dass man mit verschiedenen Möglichkeiten darauf achtet, wie man die Mitarbeitenden dahin bringt, dass sie die Entscheidungen nicht nur mittragen, sondern auch verinnerlichen.

EHI: Immer wieder liest man, dass die Digitale Transformation, veränderte Ansprüche an die Arbeitswelt und der demografische Wandel Arbeitgeber zum Umdenken zwingt. Spüren Sie diesen Druck? Wie macht sich das bei Schuh und Sport Mücke bemerkbar?

Thomas Klein: Spätestens jetzt durch die Corona-Pandemie müsste dieser Druck überall angekommen sein. Bei uns ist dieser Druck der Digitalisierung schon sehr früh angekommen. Und zwar aufgrund unserer Expansion: Wir waren 160 Leute vor 10 Jahren und haben in einem Jahr etwa 300 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aufgebaut, mit einer Personalabteilung, die mit Einmannstärke besetzt war. Das war ausschließlich möglich mit Digitalisierung. Wir haben mit digitalem Bewerbermanagement, der digitalen Personalakte angefangen, Prozesse zu optimieren, um auch schlank und effizient, sprich zukunftsfähig aufgestellt zu sein.

EHI: Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, dass sich die Arbeitswelt Handel und konkret Ihr Unternehmen verändert?

Thomas Klein: Gerade die Arbeitswelt Handel hat dahingehend einen Wandel, weil die Digitalisierung auch auf die Fläche überschwappt. Das fängt an mit Bestandsabfragen über Kundenbestellungen, die Kassen werden immer komplexer und digitaler, die Bezahlprozesse werden überdacht. Im Endeffekt denkt man schon darüber nach, Mitarbeitende mit Smartphones auszustatten, damit sie alles in der Tasche haben, was sie für den Kundenservice brauchen. Bis hin zu Produktinformationen, die auch schon digital über Tablets zur Verfügung gestellt werden können. Also für den Handel ist das schon eine elementare Thematik, wie man auch Mitarbeitende in der Kundenberatung und im Verkauf da miteinbeziehen kann, damit diese auch in den Genuss von Mitbestimmung und Eigenverantwortung kommen.

EHI: Befindet sich Ihr Unternehmen bereits in einem New-Work Transformationsprozess?

Thomas Klein: Ja, seit einigen Jahren. Auch hier gilt wieder „Gute Laune, gutes Geschäft“, wir haben immer die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Fokus. Was können wir dafür tun, dass es ihnen gut geht. Da sind wir vor einigen Jahren auf die Thematik Personaleinsatzplanung gekommen. Wie können wir Gerechtigkeit schaffen, die ja doch sehr schwer herzustellen ist bei so einem Thema, weil jeder es anders haben möchte. Insofern mussten wir einen Prozess schaffen, bei dem die Grundvoraussetzungen für alle gleich sind, aber sich jeder individuell nach seinen Bedarfen oder Bedürfnissen miteinbringen kann. Eine Frage, die wir uns auch weiterhin im Transformationsprozess immer stellen, ist, was können wir heute besser machen als wir es gestern getan haben.

EHI: Welche konkreten Veränderungsprozesse haben Sie in den vergangenen Jahren angestoßen und welche haben Sie bereits umsetzen können?

Thomas Klein: Hier könnte ich die Projektarbeit nennen, die sich vor einigen Jahren bei uns verändert hat, bei der wir Abstand genommen haben von der klassisch hierarchischen Führung. Wir haben erste Projektteams gegründet, die wir heterogen zusammengesetzt haben aus verschiedenen Bereichen des Unternehmens. Wir haben gesagt, da müssen mal Mitarbeitende aus der Logistik und der Verwaltung und dem Vertrieb zusammenkommen, auf verschiedenen Hierarchieebenen, um den bestmöglichen Weg zu erarbeiten. Damals haben wir auch mit agilen Methoden und Arbeitsweisen begonnen, da kam dann selbstbestimmtes Arbeiten ins Unternehmen. Wir haben die ersten Projektteams bereits vor 6 Jahren gegründet. Diese können definitiv über die Ebenen hinweg in den unterschiedlichen Unternehmensbereichen agil arbeiten.

EHI: Bei New Work geht es meistens um Office-Arbeit, sprich die Zentralen. Im Handel arbeitet ein Großteil der Beschäftigten auf der Fläche. Denken Sie, dass sich Aspekte von New Work auch auf die Filialen übertragen lassen?

Thomas Klein: Auf jeden Fall. Das wichtigste Thema für den Kundenberater, die Verkaufsberaterin ist die Personaleinsatzplanung. Es geht aber auch um die Arbeit auf der Fläche, dass die Mitarbeitenden, wenn sie in einem Verkaufshaus wie bei uns arbeiten, einem Vollsortimenter, im Idealfall so qualifiziert sind, dass sie überall eingesetzt werden können und sich im Endeffekt da einbringen können, wo sie sich am wohlsten fühlen und damit auch am besten einbringen. New Work bedeutet Qualifizierung, hier haben wir unsere eigene Lernplattform digitalisiert, mit „my learnings“. Für die Personaleinsatzplanung, die neugestaltet worden ist, haben wir „my work“ und wir haben ein Mitarbeiter-Serviceportal, eine digitale Personalakte namens „my job“ und das nächste Projekt ist „my health“, da geht es um BGM für die Mitarbeiter. Für das nächste Jahr ist schon „my benefits“ in der Pipeline, wo die Mitarbeitenden eigenverantwortlich und selbstbestimmt ganz individuell entscheiden können, wieviel sie investieren möchten, um davon zu profitieren, und auch wie sie profitieren, ist ganz individuell. Unser Motto ist überall: Für alle gleich und für jeden individuell.

EHI: Die Kernidee hinter dem Schlagwort „New Work“ basiert vor allem darauf, Mitarbeiter stärker einzubeziehen und selbstbestimmt Entscheidungen treffen zu lassen. Sprich weniger Führung und flache Hierarchien. Doch: Will und kann das jeder? Wie sind hier Ihre Erfahrungen?

Thomas Klein: Das ist sicherlich eins der spannendsten Themen. Will das jeder? Ja. Kann das jeder? Nein. Gerade beim Thema Führung haben wir das doch ganz anders gelernt. Und New Work ist ein so starkes Thema, dass man Führung neu denken muss. Führung muss in meinen Augen eher verstanden werden als ein Coaching, ein Begleiten von Projektteams oder auch von Mitarbeitern bzw. Mitarbeiterinnen. So dass Entscheidungen nicht von einer Person, nach Organigramm, getroffen werden, sondern dass eine Entscheidung im Team entsteht. Dass ein Ziel gemeinsam erarbeitet wird, die Maßnahmen gemeinsam erarbeitet werden … dadurch gewinnt man definitiv an Effizienz und Produktivität. Der Leistungswille und die Motivation der Mitarbeitenden haben einen ganz anderen Grad, als wenn Entscheidungen einfach vorgegeben werden.

Allerdings geht es nicht nur um die Führungskräfte, es gibt auch Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen, die das gar nicht wollen. Man kann auch gar nicht sagen, das ist die Generation Y, Z oder die Babyboomer, die das nicht wollen. Da ist die 18jährige neue Mitarbeiterin, die zu mir sagt: „Bitte, ich möchte vorgegebene Arbeitszeiten und ich möchte auch gesagt bekommen, was ich zu tun habe.“ Das haben wir auf allen Altersebenen, man kann pauschal nicht sagen, welche Generation wie arbeiten möchte. Aber das ist auch in Ordnung, denn diese Mitarbeitenden haben häufig eine ausgesprochene Affinität zu Gewissenhaftigkeit. Die eignen sich hervorragend, um zum Beispiel Prozesse zu kontrolliere. Es sind auch oft die zahlenaffinen Personen, die klare Vorgaben haben wollen. Die wollen mit Entscheidungsfindung gar nicht belästigt werden, sie wollen die Entscheidung einfach nur umsetzen oder den Weg dorthin kontrollieren. Deshalb muss man auch auf die Kompetenzen und Verhaltensweisen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen achten, damit man sie richtig einsetzt. Im Projektteam ist es entscheidend, behaupte ich, dass man ein heterogenes Team auch von den Verhaltenstendenzen zusammenstellt, damit man alle Bereiche dabei hat.

Das Thema New Work generell haben wir bei uns im Unternehmen, auch im Konzern, diskutiert und es ist auch in einigen Bereichen nicht zwingend umsetzbar. Beispielsweise in Bereichen der Logistik, da geht es halt einfach auch um Stückzahlen, da geht es um Aufgaben, die abgearbeitet werden – da braucht man halt weniger Kreativität als im Marketing. Da macht es keinen Sinn, agile New Work Methoden einzusetzen. Die Mitarbeiterbetreuung hingegen sollte definitiv schon auf Eigenverantwortung und Selbstbestimmung ausgelegt sein.

 

Thomas Klein ist einer der Diskussionspartner bei der EHI-Session „New Work in Retail“ am 1. Juli. Die Veranstaltung ist für Händler kostenfrei. Das vollständige Programm finden Sie hier: EHI-Session: New Work in Retail | EHI Retail Institute

Das EHI-Whitepaper „New Work in Retail” erscheint am 5. Juli und steht dann kostenfrei im EHI-Shop und auf ehi.org zur Verfügung.