Frank Horst

Leiter Forschungsbereich Inventurdifferenzen + SicherheitTel:+49 221 57993-53
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04.03.2016

Viel Lärm um Nichts

Alle Themen Zahlungssysteme #Bargeld #Münzgeld

Bildnachweis: firina (istockphoto)

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Die bereits von der EU-Kommission vor einigen Jahren angestoßene Diskussion um den Verzicht von 1- und 2-Cent-Münzen im Barzahlungsverkehr bewegt Handel und Verbraucher gleichermaßen und wird oft kontrovers diskutiert. Hinzu kommt die aktuelle Debatte um Obergrenzen bei Barzahlungen, die mögliche Abschaffung der 500 Euro-Note bis hin zu Radikalreformern, die eine gänzliche Abschaffung des Bargeldes fordern.

Eine Kleinstadt prescht vor

Wenn es nach der Stadt Kleve in Nordrhein-Westfalen geht, sollen schon bald 1- und 2-Cent-Stücke der Vergangenheit angehören. Einige Händler der niederrheinischen Stadt wollen seit Anfang Februar das Bezahlen mit Kleinstmünzen medienwirksam abschaffen. Zwar ist die Verärgerung vieler Händler über gestiegene Kosten der Wechselgeldbeschaffung nachvollziehbar, denn die Gebühren der Kreditinstitute können bei 1- und 2-Cent-Rollen schon mal deren Wert übersteigen. Doch bei näherem Hinsehen ist der wirtschaftliche Nutzen beim Verzicht auf Kleinmünzen zweifelhaft. Den Argumenten für die Abschaffung fehlen meist nachweisbare Fakten, sie basieren eher auf persönlichen Meinungsbildern. Vergessen wird, dass 1- und 2- Cent-Münzen gesetzliches Zahlungsmittel sind und daher angenommen werden müssen. Außerdem sind bei der Aktion gegen die 1- und 2-Cent-Münzen Fachhändler beteiligt, deren Preispolitik ohnehin nur wenig Münzgeld erfordert. Nicht zuletzt sind an vielen Kassen Rundungen, die nötig würden, technisch noch gar nicht realisiert.

Bauch versus Fakten

Vermutungen über mögliche Auswirkungen von Rundungsszenarien der Endsummen von Kassenbons (Aufrunden, Abrunden, kaufm. Runden) gibt es viele. Eine wissenschaftliche Basis haben wir mit der im Auftrag der Deutschen Bundesbank durchgeführten Studie geschaffen, in der wir über 70.000 Kassenbons verschiedener LEH-Geschäfte und Drogeriemärkte analysiert haben. Simulationsrechnungen zeigen Auswirkungen auf Umsatz, Verbraucherpreise, Münzgeldbedarf und Kosteneinsparungen. Schließlich sollte eine Entscheidung nicht nur nach dem Bauchgefühl, sondern eher nach Kenntnis der Fakten und realen Konsequenzen erfolgen.

Keine Preisänderungen

Unsere Studie zu Rundungseffekten bei Bonsummen zeigt, dass die verschiedenen Szenarien keinen Einfluss auf das Preisniveau haben und auch keinerlei Preisänderungen nach sich ziehen würden. Eine Bonrundung ist vollkommen unabhängig von der Produktpreisgestaltung und würde sich nicht auf Preis- und Aktionsstrategien auswirken. Bei Einzelpreisen sehen Händler keine Veranlassung auf 0 bzw. 5 Cent zu runden.

Kaum Einsparpotential

Da das Einsparpotenzial beim Verzicht von Kleinstmünzen nur geringfügig ist, steht für Händler primär die Kundenakzeptanz einer Rundungsregel im Vordergrund. Daher fände eine freiwillige Lösung nur wenige Befürworter im Handel. Darüber hinaus besteht die Befürchtung, dass eine kaufmännische Rundungsregel schnell durch die Profilierung marktführender Unternehmen zum generellen Abrunden von Bonsummen führen könnte. Damit wären aber bereits die Margenverluste höher als die realisierbaren Kosteneinsparungen. Zwar gibt es geringfügige Handlingvorteile und Prozessvereinfachungen, die generellen Prozessschritte bestehen jedoch weiter fort.

Kaum wirtschaftliche Auswirkungen

Rundungen der Endsumme des Kassenbons wird der Einzelhandel in seiner großen Mehrheit nicht freiwillig vornehmen. Hierzu bedarf es einer gesetzlichen Grundlage, die für alle Unternehmen gleiche Bedingungen schafft. Egal welches Rundungsszenario sich durchsetzen würde, die wirtschaftlichen Auswirkungen wären relativ gering. Die Angst vor Preiserhöhungen ist unbegründet, spürbare Zeitersparnisse an der Einzelhandelskasse wird es kaum geben und eine Abkehr von 9-Cent-Preis-Endungen ist derzeit im Lebensmittelhandel nicht vorstellbar. Faktisch realisierbare Kosteneinsparungen im Handel sind eher marginal und bilden daher keine treibende Kraft zur Abschaffung von Kleinmünzen.

Nationale und internationale Vorbilder

Selbst das Vorgehen von „dm-drogerie markt“, in dessen Märkten bereits seit 2002 aufgrund von Bonabrundung bzw. Preisen in 5-Euro-Cent-Beträgen keine 1- und 2-Euro-Cent- Münzen mehr an Kunden herausgegeben werden, hat bis heute keine Nachahmer im deutschen Einzelhandel gefunden und wird von Kunden oft gar nicht wahrgenommen.

Andererseits funktioniert das Bezahlen ohne Kleinstmünzen im Ausland reibungslos. Finnland und die Niederlande praktizieren das Auf- und Abrunden bereits seit Jahren und stellen keine nationalen Kleinmünzen für den Zahlungsverkehr mehr zur Verfügung, dennoch sind sie dort nach wie vor gesetzliches Zahlungsmittel. Die Einführung der Rundungsregel erfolgte auf gesetzlicher Grundlage. Kartenzahlungen werden aber nach wie vor betragsgenau abgewickelt.

Auch in Deutschland ist das freiwillige Aufrunden an Kassen bereits vielerorts möglich. So räumen beispielsweise Kaufland, Penny, Netto und Toom ihren Kunden im Rahmen der Initiative „Deutschland rundet auf“ die Möglichkeit ein, den ausstehenden Betrag aufzurunden und an Hilfsorganisationen zu spenden, ebenso wie viele Händler dies über Spendendosen anbieten.

Fazit: Da handfeste wirtschaftliche Vorteile fehlen, geht es im Kern um individuelle Vorlieben im Umgang mit Bargeld allgemein und Kleingeld im Besonderen. Aber beurteilen Sie selbst, ob die Klever eine wirklich clevere Idee haben, die Signalwirkung zum zukünftigen Umgang mit Kleinmünzen im gesamten Euroraum haben kann oder ob es sich – um mit Shakespeare zu sprechen – nur um „Viel Lärm um nichts“ handelt.

 

Köln, im März 2016
Frank Horst, EHI

 

Die Studie der Bundesbank gibt es im kostenlosen Download


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